Das Takata-Airbag-Debakel

Versuch einer Bestandsaufnahme der größten Rückrufaktion aller Zeiten. Vergleich: Welche Modelle sind in Deutschland und den USA betroffen? Und: warum werden in anderen Ländern viel mehr Fahrzeuge zurückgerufen als bei uns?

Abbildung eines ausgelösten Beifahrerairbags als Symbolbild für Airbags
Symbolbild "Airbag": Pixabay/Pixel-mixer, Creative Commons CC0

Nun ist also doch passiert, was viele Experten schon viel früher erwartet haben: Der japanische Automobilzulieferer Takata hat Insolvenz angemeldet. Es ist die Konsequenz der größten Rückrufaktion in der Automobilgeschichte. Doch die Öffentlichkeit in unseren Breiten nimmt davon wenig Notiz, weil sich das Elend vornehmlich in feucht-warmen Klimazonen abspielt und zuletzt obendrein im Schatten des VW-Skandals stand. Doch das Problem mit den Airbags aus Nippon ist von den Dimensionen um ein Vielfaches größer als „Dieselgate“.

Die Lebensretter können sich im Laufe der Jahre zur todbringenden Gefahr für Insassen älterer Fahrzeuge wandeln. Schwachpunkt sind die Gasgeneratoren der Airbags. Das darin enthaltene Zündgemisch reagiert in feucht-warmen Klima in einer denkbar ungünstigen Weise. Kommt es zu einem Unfall, kann sich der Druck der Detonation beim Auslösen so stark erhöhen, dass es zum Bersten des Gasgenerators kommt. Dadurch können Metallteile in hoher Geschwindigkeit durch den Fahrzeuginnenraum fliegen. Dies birgt enorme Verletzungsgefahren:

Nach bisherigen Erkenntnissen sind weltweit bislang 17 Menschen durch solche Metallsplitter tödlich verletzt worden, zuletzt ein Rentner aus Miami während einer Reparatur an seinem Honda. Da fast alle Todesopfer in Regionen mit (sub)tropischem Klima zu beklagen waren, sind die Rückrufaktionen bisher weitgehend auf diese Regionen beschränkt geblieben. Doch auch diese regionale Einschränkung sorgt nicht dafür, dass die Autobauer das Kapitel schnell abschließen können.

Denn Takatas Weltmarktanteil bei Airbags lag laut Medienberichten zuletzt bei 20 Prozent! Die Japaner beliefer(te)n das „Who-is-who“ der Autobauer – auch in Deutschland. Unter normalen Bedingungen ist die Produktion von großen Mengen für alle Seiten von Vorteil, denn dadurch sinken die Stückkosten enorm. Wenn nun aber quasi die komplette Produktion eines Großlieferanten der Automobilindustrie über mehrere Jahre fehlerhaft ist, stellt dies den „GAU“ für die Branche dar.

Es wird geschätzt, dass weltweit 100 Millionen Airbags von dem Mangel betroffen sein könnten. Klar, dass so eine Umrüstaktion viele Jahre dauert, insbesondere wenn man Bestandskunden weiterhin beliefern muss. Spätestens nach der Insolvenzmeldung vom Juni muss bezweifelt werden, dass man wirklich alle Fahrzeuge wird umrüsten können – auch wenn das chinesisch-amerikanische Unternehmen KSS angekündigt hat, für 1,6 Mrd. Dollar die verbliebenen Vermögenswerte zu übernehmen. Insbesondere die älteren Modelle sind vermutlich bereits auf dem Schrottplatz gelandet, bevor ein ungefährliches Ersatzteil zur Verfügung steht. Denn die ältesten vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge sind bald 18 Jahre alt!

Umrüstquote unter 40 Prozent

Und nicht in allen Fällen können andere Zulieferer in die Bresche springen. In den USA lässt sich die Umrüstungsquote auf einer eigens eingerichteten Webseite der US-Verkehrssicherheitsbehörde (NHTSA) nachverfolgen. Es ist ein trauriges Bild: Auch mehrere Jahre nach Rückrufstart ist bei nicht einmal 40 Prozent der Autos die Gefahr beseitigt. Im ersten Halbjahr 2017 nahm die Prozentzahl aller betroffenen Fahrzeuge, die bereits einen neuen Airbag bzw. neuen Gasgenerator erhalten haben, sogar ab. Das liegt daran, dass immer wieder weitere Fahrzeuge in den Rückruf einbezogen werden. Zuletzt meldete Takata am Anfang Juli die Ausweitung auf weitere 2,7 Millionen Modelle von Ford, Mazda und Nissan. Die folgende Liste zeigt, welche Fahrzeuge in den USA wegen der fehlerhaften Takata-Airbags in die Werkstatt mussten bzw. müssen und wie viel Prozent der betroffenen Fahrzeuge des jeweiligen Fabrikats bereits abgearbeitet wurden:

Takata_Marken_USA

Die Zusammenstellung einer Liste für Deutschland gestaltet sich deutlich schwieriger, denn das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gibt nicht an, von welchem Zulieferer ein fehlerhaftes Bauteil stammt. Es gibt aber wiederkehrende Muster von Fehlermeldungen. In dieser Liste sind alle diesem Blog bekannten Warnungen vor fehlerhaften Gasgeneratoren bzw. vor Metallsplittern enthalten. Die meisten dieser Rückrufe wurden bei den Autobauern verifiziert. Auch hier ist nicht immer Auskunftsfreude bezüglich des verantwortlichen Zulieferers vorhanden. Es kann also sein, dass bei dem einen oder anderen in der Liste enthaltenen Rückruf der Zulieferer nicht Takata heißt. Es dürfte sich aber um Ausnahmen handeln.

Takata_Marken_D

Der Vergleich zwischen der deutschen und der US-Liste zeigt, dass manche Hersteller nahezu die gleichen Modelle auch hierzulande in die Werkstätten rufen. Manche Hersteller rufen nur einen Teil zurück, manche gar nicht. Dies kann einerseits daran liegen, dass für den europäischen Markt Airbags anderer Zulieferer verwendet wurden. Andererseits kann es an der Risikoeinschätzung des Herstellers liegen. Beispiel BMW: „Die bisher aufgetretenen Fälle von Personenschäden durch geborstene Takata-Gasgeneratoren betrafen wenige Fälle von Wettbewerberfahrzeugen, die eine bestimmte Generation von Gasgeneratoren benutzten, die mit denen einer bestimmten BMW Modellreihe, nämlich der 3er Reihe E46, bauähnlich waren. Die allermeisten Fälle traten in feuchten Gegenden auf. Bei den anderen BMW und Mini-Modellen sehen wir vor dem geschilderten Hintergrund keine Veranlassung, die Airbags zu tauschen.“

Rückrufzahl zwischen 0 und 500.000

Diese Aussage eines Konzernsprechers stammt vom Herbst 2016 und ist bis heute unverändert gültig. Daimler kam grundsätzlich zum Schluss, dass eine Umrüstung in Europa nicht nötig ist. Toyota dagegen rief über 500.000 Fahrzeuge mit Takata-Airbags allein in Deutschland zurück. Diese unterschiedliche Vorgehensweise dürfte Kunden beunruhigen – auch wenn in unserer Klimazone tatsächlich bislang keine schweren Verletzungen durch explodierende Airbags bekannt sind. Es bleibt ein ungutes Gefühl, das gemeinsam mit den im Fahrzeug verbleibenden Takata-Airbags mitfährt. Es hat weniger mit Angst vor (tödlichen) Verletzungen zu tun, sondern mehr mit der bei Fragen von Produktmängeln herrschenden Intransparenz.

Ist wirklich grundsätzlich ausgeschlossen, dass ein hierzulande gemeldetes Fahrzeug einmal für längere Zeit in feucht-warmer Umgebung unterwegs war? Die Antwort auf diese Frage müsste letztlich die Gefahreneinschätzung der Hersteller beeinflussen. Doch börsennotierte Wirtschaftsunternehmen haben selten ein Interesse daran, mit einer breiten Öffentlichkeit potenzielle Risiken ihrer Produkte zu erörtern. Schnell denkt man an Innenminister De Maizière und sein Zitat von den Informationen, die „verunsichern“ könnten. Wir wissen: Nicht-Information verunsichert viel mehr, insbesondere in Zeiten, in denen einige Autobauer und ihre Salamitaktik beim Abgasskandal massiv in der Kritik stehen.

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